Fluctuat nec mergitur

Wenn man am 13. eines Monats auf die Welt gekommen ist, darf man nicht allzu abergläubisch sein. Denn irgendwann fällt der eigene Geburtstag unweigerlich auf einen Freitag. Und am Freitag, den 13. soll man ja vorsichtig sein, da er Unglück bringen soll. Irgendwie war ich fasziniert vom Aberglauben allgemein – aber das mit Freitag dem 13. hatte ich irgendwie nie verstanden. Nicht einmal, als ich mir an einem Freitag den 13. (und darüber hinaus meinem Geburtstag) im Sportunterricht einen Kapselriss im Mittelfinger zuzog. Ich fand das eher ziemlich ironisch und musste, sobald die Schmerzen zu ertragen waren, sehr oft darüber lachen.

In diesem Jahr fiel mein Geburtstag wieder auf einen Freitag. Wie immer kein Grund zur Sorge, im Gegenteil. Die Soap der Sina K. war wieder in Bestform und den 11.11. verbrachte ich ausnahmsweise ohne meine beste Freundin, die von Indien aus dank all meiner Nachrichten live miterlebte, wie meine kleine, rosafarbene aber eben auch dramatische Welt wieder einmal vor lauter Liebeskummer in sich zusammenfiel. So endete der 11.11. wie befürchtet – recht früh, recht tränenreich und recht betrunken. Mein Lichtblick: Am 12.11. ging es mit dem Zug in die schönste Stadt der Welt. War ich nach Köln gezogen, weil ich mich so in diese Stadt verliebt hatte – meine erste Liebe galt la ville lumière. Schon im zarten Alter von 6 Jahren übte diese Stadt einen so gewaltigen Eindruck auf mich aus, dass ich jahrelang davon träumte, irgendwann in dieser eleganten Stadt zu leben. Ich konnte mich selbst bereits sehen, wie ich lächelnd durch die Straßen laufen würde, im Sommerkleid, mit eleganten hohen Schuhen, konnte den Wind spüren, der mit meinen strohblonden Haaren spielte, spürte die Blicke der Männer. Kleinmädchenträume, über die ich heute herzlich lachen muss. Damals ahnte ich ja noch nicht, dass ich mir irgendwann freiwillig die Haare schwarz (!) färben würde. So kam ich mit 16 (und immer noch blond) wieder und liebte Paris immer noch abgöttisch – ich hatte lediglich eine etwas realistischere Einschätzung meiner Zukunft.

So stieg ich am 12.11.2015 erschöpft, aber voller Vorfreude in den Thalys und mit jeder Minute kribbelte es mehr unter meiner Haut. So lange hatte ich mich nach dieser Stadt gesehnt. Und kaum war ich angekommen, war es wieder um mich geschehen, es war immer aufs Neue Liebe auf den ersten Blick. Alles, was ich sah, war geprägt von einer solchen Würde und einem solchen Anmut, von einer solchen Vielseitigkeit und Toleranz – diese Stadt schien unzerbrechlich. Meine Übernachtungsmöglichkeit mutete ebenso würdevoll an, Yannick studierte vorübergehend an der Sorbonne und wohnte in einem altehrwürdigen Gebäude, dessen pompöse Backsteinmauern jahrhundertealte Geheimnisse versprachen. Ich war glücklich. Ich fühlte mich frei, losgelöst von all den Alltagssorgen, raus aus dem gewohnten Umfeld, das mich hin und wieder zu erdrücken drohte, war süchtig nach Abenteuern in einer pulsierenden Stadt in einem fremden Land. Am Abend eröffnete die hauseigene kleine Bar und mit einem Haufen mir völlig fremder Menschen feierte ich in meinen Geburtstag hinein, durfte sogar Geburtstagskerzen auspusten, betrank mich heillos und philosophierte mit Linoel sowohl über sein als auch mein gescheitertes Liebesleben. Das Mischmasch all der Sprachen all dieser Menschen war so intensiv, es war verwirrend, es war aufregend und es war das, was ich unter Freiheit verstand. Und unter Liebenswürdigkeit, denn jeder nahm ein kleines bisschen Anteil an meinem Geburtstag – völlig irrelevant, dass wir uns alle wohl nicht noch einmal sehen würden, es war mein Geburtstag und den galt es zu feiern, wenn auch immer nur für einen kleinen Moment.

Der Freitag begrüßte uns mit brummenden Köpfen aber unglaublich viel Vorfreude meinerseits und vor allem strahlendem Sonnenschein und blauem Himmel. Wir hatten beschlossen, heute entspannt anzugehen, das traumhafte Wetter zu genießen und ein bisschen zu bummeln. Wir aßen fantastische Croissants, schlenderten durch den Jardin du Luxembourg und beobachteten quietschende Kinder und kreischende Möwen, während uns die Sonnenstrahlen wärmten. Nicht nehmen ließ ich mir den Besuch von Notre-Dame. Bereits dank Walt Disney übte sie eine solche Anziehung auf mich aus, und Hugos Meisterwerk verband mich untrennbar mit dieser pompösen Kathedrale. Ich war überwältigt, überwältigt von der Macht und dem Mythos, die dieses Gebäude zum Ausdruck brachte und konnte Quasimodo förmlich durch den Glockenturm schleichen sehen. Wir hatten an diesem Tag keine Zeit für weitere Sehenswürdigkeiten, doch dafür blieben uns ja noch zwei volle Tage – mit großen Augen durchwanderte ich ziemlich beeindruckt ein Gebäude der Sorbonne und fühlte mich ganz klein und unbedeutend – wie es mir immer ergeht, wenn ich in jahrhundertealten Gebäuden wandle. Und dann war es bereits Zeit, sich auf den Weg zu machen, denn das Tages-Highlight wartete erst noch auf uns. Ich schlüpfte in mein Hector-Trikot und wir machten uns aufgeregt auf den Weg. Selbst Yannick, der eigentlich auf ein Konzert gehen wollte, und dem Fußball herzlich egal ist, wirkte aufgekratzt. So schlenderten wir los und alberten herum. Nicht ahnend, welche Hölle auf uns warten sollte.

„Yannick, ein Böller klingt anders.“ Skeptisch schaue ich nach rechts und versuche, Yannicks Gesichtsausdruck zu deuten. Er hebt die Augenbraue: „Aaaach, was soll es denn sonst gewesen sein?“ Schlagendes Argument. Da ich zu der seltenen Spezies gehöre, die keinen Auslandstarif besitzt, habe ich mein mobiles Datennetz ausgeschaltet und genieße diese pflicht-lose Leichtigkeit, die einen überkommt, wenn man keine Nachrichten beantworten muss.  Ich habe immer noch eine Gänsehaut von den knapp 80.000 Stimmen, die inbrünstig ihre Hymne singen, beobachte lächelnd die Kinder, die ununterbrochen ihre Fähnchen schwenken, empfinde diese Aufregung eines neuen Stadions, das Flutlicht blendet mich und ich freue mich über einen ziemlich starken Geburtstag. Wenn ich mir später die Fernsehbilder anschaue ist es mir völlig unverständlich, wie konsequent mein Gehirn die klaren Fakten ignoriert. Ich würde es in diesem Moment nämlich niemals zugeben, aber Yannick und ich wissen es beide. Die Tatsache, dass Yannick ständig sein Handy zückt, um eine SMS zu schreiben, irritiert mich. Aber erst sehr viel später. In dieser Sekunde denke ich nicht darüber nach. Mein Gehirn hat längst in den Überlebensmodus umgeschaltet, ohne mir auch nur einen Hinweis darauf zu liefern. Beim zweiten Knall bin ich mir bereits absolut sicher. Es ist ein unwirkliches, ungreifbares Gefühl, das ich empfinde. Ich spüre ganz deutlich, dass mein Kopf mir etwas vormacht, dass etwas gerade ganz und gar nicht stimmt und rede mir dennoch das Gegenteil ein. Ich weiß, wie ein Böller in einem Stadion klingt, ich habe das oft genug gehört. Und das eben, das war hart und bedingungslos. Ein ohrenbetäubendes Getöse, dass einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aber ich bin einfach nicht bereit, das zu akzeptieren – weil die Bedeutung dessen einfach nicht zu ertragen wäre. So schauen wir weiter das Spiel. Begeben uns während der Halbzeitpause in den Umlauf. Yannick immer und immer wieder am Handy. Und ich, naiv wie ein kleines Mädchen, bin verwundert, wie viel Polizei mit Blaulicht und Sirene am Stadion vorbei rast. „Das ist ganz normal, hier in Paris. Gerade an nem Freitagabend.“ Doch während der zweiten Halbzeit kann ich mein Bauchgefühl nicht mehr ignorieren. Meine Intuition hat mich noch nie getäuscht. Ich ziehe mein Handy aus der Tasche, aktiviere die mobilen Daten – und mein Herz setzt für mindestens einen Schlag lang aus. Unzählige Nachrichten, die ich nur überfliegen kann, ohne zu begreifen, was sie beinhalten. „Yannick, hier stimmt was nicht.“ Er schließt die Augen und atmet tief ein und ich weiß sofort, dass ich Recht habe. Natürlich hat er nicht ausgerechnet heute seine Liebe zu Mobilfunkgeräten entdeckt. Natürlich ist nicht alles in Ordnung. Es ist ganz und gar nicht in Ordnung. Die Informationen aus den Nachrichten unterscheiden sich zum Teil gravierend, doch in einem sind sich alle einig: In dieser fabelhaften, stolzen Stadt geschieht gerade etwas Fürchterliches. Yannick und ich sind uns schnell klar über das Vorgehen. Im Moment ist es das Beste, hier zu bleiben. Niemand weiß, was wer wo gerade tut. So sitzen wir starr auf unseren Plätzen, mit leeren Blicken und versuchen, die Nervosität der Menschen um uns herum nicht auf uns wirken zu lassen. Im Nachhinein ist es völlig absurd, wie wir versucht haben, ein Fußballspiel zu verfolgen, während rund um uns ein Terroranschlag wütete. Doch es ist das Einzige, was uns die Ruhe bewahren lässt: Normalität aufrecht erhalten, so lange es möglich ist. Immer mehr verlassen nervös ihre Plätze, die Luft ist zum Zerreißen gespannt, trotz der Hektik liegt eine eigenartige Stille über uns. Rund um die 80. Minute halte ich es nicht mehr aus. Meine Gedanken rasen. Mein Herz rast. Meine Atmung rast. Ich will hier weg und flehe Yannick an, nach Hause zu gehen. Wir drängen in den Umlauf, wägen ab, was wir tun sollen und schnell wird mir klar – diese Situation überfordert uns beide komplett. Wir laufen zu einem Ordnungsdienst und fragen um Rat und er empfiehlt uns, sichtlich nach Fassung ringend, einen gut ausgeleuchteten und direkten, aber vor allem bereits bewachten Weg zur nächsten Bahnhaltestelle. Es ist rührend, mit wie viel Ruhe und Mühe er uns den Weg genau beschreibt, wo ihm die Unsicherheit in die eigenen Augen geschrieben steht. Und so schieben wir uns in die Menschenmenge, um mich herum ein wirres Summen von Stimmen, in einer Sprache, die mir jetzt plötzlich völlig fremd erscheint. Ein unbestimmbares Summen, wie ein Bienenschwarm. Und über ihr liegt eine so tiefe, alles einnehmende Stille. Mir wird bewusst, dass ich vor allem eines empfinde: Angst um unser Leben. Meine Sinne sind aufs Äußerste gereizt, ich realisiere jede Bewegung wie in Zeitlupe, höre jedes Geräusch, reagiere auf jeden Geruch. Und während in mir die Panik tobt, ich das Gefühl habe, zu ersticken an dieser alles einnehmenden Angst, ist mein Verstand so klar wie nie zuvor und auch später nie wieder in meinem Leben. Jeder Nerv ist nur darauf konzentriert, unversehrt zurück ins Wohnheim zu kommen. Meine Füße laufen, ohne dass ich es ihnen befehlen muss. Alles geschieht automatisch. Der Weg zur Bahn fühlt sich an wie ein schlechter Horrorfilm. Die Straße ist beleuchtet, aber jede einzelne Seitengasse ist rabenschwarz. Das permanente Flackern des Blaulichts erleuchtet die Gassen immer wieder für eine kurze Sekunde und wirft unheimliche Schatten in sie. Polizisten mit Waffen im Anschlag flankieren den Menschenzug, mit starren Gesichtern, aber wachsamen Augen, die pausenlos jede noch so kleine Bewegung erfassen und in Sekundenschnelle analysieren. Die Masse schiebt uns die Treppen zum Bahngleis hinauf und während wir warten zucken wir bei jeder unerwarteten Bewegung zusammen. Meine Augen huschen von links nach rechts und wieder zurück, ich sehe angsterfüllte Augen, ungläubige Mienen, Menschen, die sich aneinander festhalten. Diese Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, bereiten mir bis heute eine unbeschreibliche Angst. Das eben Erlebte hinterlässt seine Spur, das ist mir sofort bewusst – aber die werden wir verarbeiten können, sie ist greifbar. Aber die Ungewissheit ist wie Gift. Nicht zu wissen, was hinter der nächsten Ecke auf uns wartet. Nicht zu wissen, ob aus dieser dunklen Gasse ein Donnern oder Schuss ertönt. Oder aus der nächsten. Nicht zu wissen, wer gerade in die Bahn zugestiegen ist und was er vor hat. Diese beklemmende Angst schnürt mir die Kehle zu und legt sich tonnenschwer auf meine Brust. Die Bahn scheint doppelt so lange zu fahren wie auf dem Hinweg und ich rutsche nervös auf meinem Sitz hin und her. Wir verlassen die Bahn, hetzen durch die dunklen Straßen, die Sinne sind immer noch bis zum Zerreißen gespannt, wir wissen immer noch nicht, was hinter der nächsten Ecke wartet. Ich muss mich zwingen, nicht die Kontrolle zu verlieren und einfach loszurennen. Angespannt, aber vernünftig, aufmerksam und zügig bringen wir den Fußweg hinter uns. Und dann passieren wir endlich die dicken, sicheren Mauern des Wohnheim-Geländes und eine Erleichterung überkommt mich, dass ich am liebsten ohnmächtig werden möchte. Wirkten die letzten Stunden wie verzögert, so rasen die Minuten nun plötzlich an mir vorbei. Nach und nach treffen immer mehr Menschen im Gemeinschaftsraum ein, alle reden laut und hektisch in dieser Sprache, die ich verdammt nochmal nicht mehr richtig beherrsche, ich sitze inmitten dieser Leute, während wir uns vor dem Fernseher versammeln und alle wie gebannt den Nachrichten folgen, die Yannick mir übersetzt. Er verliert immer und immer wieder seine Stimme, nicht in der Lage, auszusprechen, was er eben gehört hat. Aber auch ohne Übersetzung ist mir klar, welches unbeschreibliche Glück wir hatten. So viele Menschen haben an diesem Abend ihr Leben verloren. Menschen, die wie wir einfach nur den Freitagabend, das Gefühl von Freiheit genießen wollten. Die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Ich starre wortlos auf den Fernseher, unfähig zu realisieren, was sich in den letzten zwei Stunden tatsächlich ereignet hat. Erneut liegt eine so unwirkliche Stille über der Szenerie. Und während dieser Stille kommen weitere Mitbewohner nach Hause – und sie vermissen einige ihrer Freunde. Was eben noch unwirklich und absurd erschien ist plötzlich und schlagartig Realität in unserer Mitte. Ich fühle mich so fehl am Platz, bin nicht in der Lage, tröstende Worte auszusprechen und ziehe mich auf Yannicks Zimmer zurück. Dort sitze ich die ganze Nacht vor dem PC und meinem Handy und beantworte so viele Nachrichten und Anrufe, dass mir schwindelig wird. Ich fühle mich leer, überfordert und habe das Gefühl, vor lauter unausgesprochener Emotionen platzen zu müssen. Als ich meinen schockierten Bruder am Telefon habe, bricht mir dann das Herz. Ich weine die ganze Nacht, bis Yannick irgendwann in den frühen Morgenstunden aufs Zimmer kommt – ruhelos, sprachlos und unendlich erschöpft fallen wir irgendwann in einen sehr kurzen Schlaf, der geprägt ist von den ständigen Sirenen die durch die Straßen jagen und dem Dröhnen von Hubschraubern über der Stadt. Geräusche, die sich für ewig in mein Bewusstsein gegraben haben.

An den darauffolgenden Tag kann ich mich kaum erinnern. Das Wohnheim ist komplett abgeriegelt, niemand kommt rein oder raus. Wir sitzen den ganzen Tag in der Küche, im Gemeinschaftsraum oder in Yannicks Zimmer und verfolgen weiterhin die Nachrichten. Mir gefriert erneut das Blut in den Adern zu Eis, als Yannick mir erzählt, auf welches Konzert er da für mich verzichtet hat. Wir kochen gemeinsam und versuchen, uns gegenseitig Halt zu geben – Sprachbarrieren gibt es keine mehr, wir verstehen uns auch mit bloßen Blicken. Es ist ein seltsames Gefühl. Einerseits bin ich gerührt von so viel Mitgefühl und Verständnis, andererseits fühle ich mich wie ein Eindringling, der hier in diese emotionale und intime Situation eigentlich gar nicht hingehört. Yannick kennt mich gut genug, um zu wissen, was ich ertragen kann und so kümmert er sich aufopferungsvoll und herzlich um seine Mitbewohner, die Freunde verloren haben, und ich ziehe mich auf sein Zimmer zurück, wo ich erneut versuche zu begreifen, was gestern Nacht geschehen ist. Umso mehr ich nachdenke, desto nervöser werde ich. Diese Stadt, die ich so bewundert habe, bereitet mir jetzt eine solche Angst, dass ich nur noch hier weg möchte. Sie wirkt heute grau und kalt, hat ihren Glanz verloren und liegt vor mir wie betäubt. Ich fühle mich alleine. Nicht, weil ich es bin, sondern weil ich keinen vertrauten Ort habe, der mir Sicherheit schenken kann, der mir das hilflose Gefühl der Rastlosigkeit nehmen kann, das mich seit gestern Nacht bestimmt. Ich buche mir für Sonntag früh einen Zug, ungeachtet des Fahrpreises, und verlasse fluchtartig im Morgengrauen das Wohnheim – nicht ohne so herzlich von den Mitbewohnern verabschiedet zu werden, als würden wir uns bereits seit Kindertagen kennen. Der Weg zum Gare du Nord ist die reinste Folter. Die Stille der Morgenstunde ist erdrückend. Bei jedem kleinen Geräusch zucke ich zusammen, bei jeder unerwarteten Bewegung möchte ich schreien, ich sitze ungeduldig am Gleis und beobachte verängstigt einen Polizisten, der mich, mit Gewehr im Anschlag, grimmig mustert und verstehe die Welt nicht mehr. Mir steigen die Tränen in die Augen. Und dann erlebe ich einen Moment so tiefer Menschlichkeit, der mich auch heute noch berührt. Er starrt mir direkt in die Augen, ein harter, kalter Blick hellblauer Augen; und plötzlich wird sein Gesicht ganz sanft, seine Augen werden weich und ein kleines, kaum erkennbares Lächeln huscht über sein Gesicht. Er nickt mir zu und ich weiß, was er mir sagen möchte. Dieser Moment wirkt wir eine kleine Ewigkeit, doch kaum einen Wimpernschlag später hat sein Gesicht wieder die harten, strengen Züge angenommen und er scannt professionell jede einzelne Person in seiner Umgebung. Ich bin in diesem Moment so überwältigt von all diesen Menschen, die ihr Leben riskieren, um mir das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln und versuchen mir die Angst zu nehmen, wo sie doch selbst unter so enormem Druck stehen müssen. So furchtbar wie der Weg zum Bahnhof ist die Fahrt zurück nach Köln. Diese unkontrollierbare Angst steigt erneut in mir auf und so beobachte ich jeden um mich herum mit einer völlig irrationalen und vor allem unfairen Skepsis, dass ich mich bis heute dafür schäme. Ich muss mich ständig daran erinnern, ruhig zu atmen und die Ruhe zu bewahren. Als ich am Kölner Hauptbahnhof einem sichtlich erleichterten Malte in die Arme falle wird mir bewusst, dass das Schwierigste noch vor mir liegen wird.

Ich weiß nicht, wie oft ich vor meinem Laptop gesessen habe und ein leeres Word-Dokument angestarrt habe. Unfähig, über diese Nacht zu schreiben. Die Wochen nach dieser Nacht liegen wie unter einem Schleier. Ich kann mich nicht wirklich daran erinnern, was ich getan oder gefühlt habe. An manchen Tagen wollte ich schreien, an anderen so tun als wäre nichts geschehen. Manchmal wollte ich mir die Decke über den Kopf ziehen und den ganzen Tag weinen, manchmal wollte ich darüber reden. Manchmal musste ich unbedingt unter Menschen, dann konnte ich die Anwesenheit anderer wieder nicht ertragen. Es fühlt sich rückblickend an wie in Trance – irgendwie zogen sich die Wochen und Monate und irgendwie kehrte der Alltag einfach wieder zurück, ohne dass ich wirklich darüber geredet hatte. Über diese Angst, die eigentlich nicht in Worte zu fassen ist und die mich selbst heute noch das ein oder andere Mal ausbremst. Ängstlich war ich eigentlich schon immer. Ich hatte vor allem möglichen Scheiß Angst, Angst vor Neuem und Unbekanntem, selbst Angst vor Spinnen, die bereits im Staubsauger ihr Ende gefunden hatten (ja, ich weiß, dass Spinnen das nicht überleben können!). Doch Angst war immer ein stummer Begleiter, den es tapfer zu bekämpfen galt. Ich erinnere mich an einen Sonntagnachmittag im Wohnzimmer, an dem wir die alte Videokamera abgestaubt hatten und lachend beobachten, wie ich mich als Knirps bereits das gefühlt 20. Mal beim Schlittschuhlaufen auf den Arsch gelegt hatte und Omi sagte: „Aufgeben wollte sie eben einfach noch nie.“ An Angst konnte ich wachsen, mir beweisen, dass ich es schaffen konnte. Doch nach dieser einen Nacht war alles anders. Angst war kein vertrauter, stummer Bekannter mehr. Sie war laut und sie war lähmend. Ich stürmte panisch aus dem Bus, weil ich die vielen Menschen nicht ertragen konnte und kam deswegen zu spät zur Uni. Ich weigerte mich, den Rosenmontagszug zu besuchen, an dem ich jedes Jahr mindestens so aufgeregt war, wie die Kinder in der ersten Reihe. Das Referat über Victor Hugos Quasimodo konnte ich vor Panik nicht halten – das erste Referat meines Lebens, auf das ich mich gefreut hatte. Und auch, wenn man mir schmunzelnd bescheinigt, ich habe das Studentenleben angemessen zelebriert – der wahre Grund für den so verzögerten Abschluss war Angst. Angst, meine Hausarbeiten nicht mehr abgeben zu dürfen, weil ich die Abgabefrist vor Überforderung mit der Situation nicht einhalten konnte. Statt das Gespräch zu suchen, schob ich die Arbeiten vor mir her – Wochen wurden zu Monaten und umso mehr Zeit verstrich, desto größer wurde meine Panik. Was, wenn ich nicht mehr abgeben dürfte? Was, wenn ich die Seminare noch einmal machen müsste? Was, wenn es mich noch ein Jahr kosten würde? Was, wenn ich mein Studium nicht beenden würde? Jede dieser Fragen lässt sich sehr einfach und unspektakulär beantworten, hinter jedem Worstcase war eine machbare Alternative zu finden. Doch für mich bedeuteten diese Fragen die Apokalypse. Ich war nicht in der Lage, die Realität hinter der Angst zu erkennen. Es gab Wege, unzählige Wege, selbst im Fall der Fälle. Doch ich konnte sie nicht sehen. Die Angst verdrängte jeden klaren und vernünftigen Gedanken. Die beiden Situationen könnten an Dramatik kaum unterschiedlicher sein, doch die Angst war dieselbe. Die Angst vor der Ungewissheit. Doch Omi hat mich eben gut gekannt – aufgeben war auch dieses Mal nicht und auch, wenn es dauerte: nach Monaten schaffte ich es, die Gespräche mit meinen Dozenten zu suchen. Und mir wurde bewusst, was das Wichtigste in diesem Moment war: Akzeptanz. Die Angst würde ich so schnell nicht loswerden, sie war nun einmal da. Aber sie durfte mir nicht meine Zukunft verbauen. Auch, wenn ich wochenlang wie betäubt durch Köln lief. Bis heute nicht in der Lage war, auszusprechen, wie ich mich in diesen Wochen oder gar in dieser einen Nacht gefühlt habe. Aber sie durfte mir nicht nehmen, was ich liebte und schon gar nicht meine Zukunft und meine Träume. Und so war ich eine Woche später bereits wieder im Müngersdorfer Stadion. Denn auch das würden sie mir niemals nehmen. Ich war einfach nicht bereit, darauf zu verzichten. Das Spiel gegen Mainz fühlte sich fremd an. Ich war nervös und unruhig. Aber ich stand es durch. Am folgenden Freitag fuhr ich nach Darmstadt – was mir nur möglich war, weil ich die wundervollsten Eltern der Welt habe. Dank der nicht mehr fahrenden Züge boten sie sofort an, mich in Darmstadt abzuholen. Für klar denkende Menschen völlig irrational, aber sie hatten genau verstanden, wie wichtig es für mich war, diese Liebe nicht aufgeben zu müssen und vor allem dieser Angst nicht klein bei zu geben. So stand ich nach dem Spiel, welches ich völlig ausgeglichen verfolgen konnte (abgesehen vom Nebel, denn wie Sie sehen, sehen Sie nichts) vor dem Stadion und suchte verwundert in meiner Jackentasche nach meiner Fahrkarte der Pariser Métro, die ich seither wie einen Talisman mit mir herumgetragen hatte. Um festzustellen, dass ich sie während des Spiels verloren haben musste. Und mit ihr auch meine Angst vor einem Stadionbesuch.

Ich bewundere diese Stadt und ihre Menschen immer noch jeden Tag für ihre Würde. Für ihre Unerschütterlichkeit. Für die Kraft, mit der sie solche unbegreiflichen Momente überstehen und jedes Mal stärker sind als je zuvor. Und diese Stärke inspiriert mich. Was heute, über 4 Jahre nach dieser Nacht hängen bleibt ist vor allem eines: Dankbarkeit. Eine so tiefe Dankbarkeit, dass mir an meinem Geburtstag ein zweiter geschenkt wurde. Dass wir aus diesem Alptraum (zumindest körperlich) unversehrt herausgekommen sind – was viel zu vielen nicht gelungen ist. Dankbar dafür, dass mir bewusst wurde, worauf es in meinem Leben ankommt, was wichtig ist für mich. Und vor allem auch die Erkenntnis, dass Angst zu haben keine Schwäche ist. Es ist ein Schutzmechanismus, der in bedrohlichen Situationen Alarm schlägt. Richtig interpretiert verhilft die Angst mir, bedrohliche Situationen zu überstehen, instinktiv das Notwendige zu tun. Doch diese Erkenntnis war ein langer Prozess – und ist es immer noch. Ich habe verstanden, dass es keine Angst gibt, für die ich mich schämen müsste – nicht einmal die vor Spinnen im Staubsauger. Erwische ich mich immer noch in einigen Situationen von Angst wie betäubt, so schaffe ich es doch mittlerweile in den meisten Fällen, sie zu überwinden. Indem ich sie akzeptiere, aber nicht die Entscheidungen treffen lasse. Wenn ich den Rosenmontagszug verpasse, dann liegt das am schlechten Wetter oder weil ich einfach etwas Schöneres vorhabe – nicht mehr an der Angst. Und war die Abgabe meiner Masterarbeit der bisher größte Meilenstein in meinem Leben, so machte sie mich doppelt stolz: stolz, weil ich mein Studium geschafft habe und sich all die Arbeit auszahlte, aber vor allem stolz, weil ich diejenige bin, die gesiegt hat – und nicht die Angst.

Und eines Tages werde ich es schaffen, mir ein Zugticket zu buchen, mir diese wundervolle Stadt wiederzuholen und endlich wieder die Magnolien blühen zu sehen.

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