„Schau dir mal diesen Poldi an, der sieht meeega gut aus!“ Ein harmloser Satz an mein junges und gutgläubiges 16-Jähriges Ich mit einer solchen Auswirkung. Auf den Rat meiner Freundin schaute ich mir „diesen Poldi“ also mal an – von den folgenden Jahren könnte meine Mama ein sehr leidvolles Lied singen. Mein gesamtes Zimmer war die Inkarnation der Anbetung, tauchte Poldi in einem der unzähligen Werbespots rund um das Sommermärchen 2006 auf erzitterte unser Haus unter jugendlichem Gekreische. Heute tatsächlich etwas peinlich, aber traurige Realität. Und kein Fußballspieler dieser Welt hatte je wieder eine solche Wirkung auf mich. Verfolgte ich nun regelmäßig jedes Bayern-Spiel und verpasste keine Spielminute von Poldi, landete ich das erste Mal in meinem Leben im Stadion (ja, es war tatsächlich die Allianz Arena…) und war ich noch so beeindruckt von diesem ersten Stadionbesuch. Irgendetwas passte da noch nicht so richtig. Ich begleitete Poldi also durch seine Jahre als Bayern-Profi und umso lauter sein Heimweh wurde, desto neugieriger wurde ich. Und so lag unter dem Weihnachtsbaum im Jahre 2008 eine Eintrittskarte für das Müngersdorfer Stadion – für meinen kleinen Bruder. Den schnappte ich mir nämlich wenige Wochen später: Am 14. Februar 2009. In der Kölner Innenstadt deckten wir uns noch pflichtbewusst mit FC-Fanartikeln ein und während unsere Eltern gemütlich bummelten standen wir noch vor Stadionöffnung vor der Nordtribüne und warteten aufgeregt auf den Einlass.

Diesen Moment vergisst man nie, in dem man sich unwiderruflich in jemanden oder etwas verliebt. Waren wir vor dem Spiel noch so entspannt, hatten uns in Ruhe mit Getränken und Stadionwurst versorgt, gemütlich unsere Plätze eingenommen (war außer uns ja auch quasi noch keiner da) und interessiert beobachtet, wie sich das Stadion langsam füllte – wie die erste Fahne durch die kühle Winterluft wehte und die ersten Gesänge erklangen. Lag da schon eine gewisse Anspannung in der Luft, so bebte mein Körper vor Ehrfurcht, als sich gegen 15.26 Uhr alles um uns herum erhob, wir hastig von unseren Plätzen aufsprangen, etwas verunsichert die in die Höhe gereckten Schals betrachteten und einfach genau dasselbe taten – und die Hymne erklang, die mir bis heute jedes einzelne Mal eine Gänsehaut über den gesamten Körper jagt. Es klingt so abgedroschen, dennoch war einer meiner ersten Gedanken: „Genau hier gehöre ich hin.“
Das Spiel war wohl mit das langweiligste, dass ich in meinem Leben je gesehen habe. Ein 0:0, unspektakulär, graues trübes Winterwetter und vielleicht war die Stimmung auch vergleichsweise schlecht; konnte ich damals nicht beurteilen. Aber für mich war es das Größte. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an all den Emotionen, die den Menschen in die Gesichter geschrieben waren. Lauschte neugierig jeder Diskussion über diese oder jene Szene, jedem Gemecker und Gemotze, jeder prolligen Vorhersage selbsternannter Fußball-Experten, hatte Dank Reihe 4 einen nahezu freien Blick auf die Süd und konnte meine Augen nicht von ihr wenden. So kitschig es klingt, ich empfand zum ersten Mal etwas, was ich noch bis heute spüre: Die beinahe schon verzweifelte Liebe, die die Menschen diesem Verein gegenüber empfinden. Die Atmosphäre war so aufgeladen von Emotionen, dass man sich ihr einfach nicht verschließen konnte. Ich war so sprachlos über diese Leidenschaft, diese Hingabe, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl – dass ich 1,5 Jahre später meine baden-württembergische Heimat verließ. Und 9 Jahre später immer noch hier bin, mir wie so viele andere ein Leben ohne meine Dauerkarte gar nicht mehr vorstellen kann, an den Wochenenden unverschämt viel Zeit auf den Autobahnen und in den Stadien dieses Landes verbringe und mich manchmal schon frage, wie man so jeck sein kann – was ich in Nächten wie London jedoch schnell wieder vergesse.
Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Entscheidung nie überdacht oder angezweifelt hätte. Wenn ich behaupten würde, es gäbe nicht diese Tage, an denen ich vor lauter Heimweh nach meiner Familie am Liebsten meine Sachen packen und nach Hause fahren würde (was ich dann manchmal auch einfach tue). Dass ich nicht nach stressigen Tagen, in denen ich kaum Luft zum Atmen finde, die ländliche Langeweile meines Heimatdorfes vermisse. Und dennoch bleibt dieser erste Gedanke von vor 10 Jahren: „Genau hier gehöre ich hin.“