Wie hatte man mich belächelt, als ich direkt nach Erreichen des Euopapokals meinen Reisepass beantragt hatte. „Du weißt schon, dass das EUROPApokal heißt?! Da kann man mit dem Perso hin!“ Abwarten. Dieses Ereignis war so unglaublich, ich würde es sicher nicht riskieren, irgendetwas davon zu verpassen, weil ich keinen Reisepass hatte! Und seien wir ehrlich: Bei den Kosten, die da auf mich zukamen, machten die 60 € den Braten auch nicht mehr fett. Als wäre es nicht ohnehin ein kleines Märchen, das wir da durchlebten, so schrieb jemand weiterhin fleißig heimlich still und leise im Hintergrund am Drehbuch. Am Morgen der Auslosung durfte ich stolz wie Oskar meinen Reisepass in Empfang nehmen. Getroffen wurde sich im kleinen Kreis, bei Pizza und schwitzigen Händen, um nervös und angespannt die Auslosung zu verfolgen. Anhand des unnötigen Vorgeplänkels wollte ich öfter als einmal meine Pizza in Richtung des Fernsehers werfen. Wäre es meiner gewesen, hätte ich das wohl auch getan. Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag. Ich klammerte mich an meinen Reisepass und so aufgeregt war ich zuletzt vor meiner Fahrprüfung, die zugegebenermaßen schon ein paar Jährchen her war. Zack – London. Staunen. Zack – Borisov. Helle Aufregung. Zack – Belgrad. Sprachlosigkeit. Doch bis Belgrad kam meine Aufmerksamkeit schon fast nicht mehr. „Wo is Borisov nochmal?“ – „Weißrussland!“ Scheiße. Ähnlich lange her wie mein Führerschein war auch mein letzter Flug. Den hatte ich nicht ohne leichtes Trauma überstanden – ich konnte Flugzeuge nicht mal sehen, weswegen Spiele in Frankfurt oder Hamburg jedes Mal die Hölle für mich bedeuteten. Nun kam ich aber nur drum rum, wenn ich auf 2 Auswärtsspiele verzichten würde. Um mich herum brach die Hektik aus, Flüge wurden gecheckt, Hotels stornofrei für verschiedene Termine geblockt. Und ich saß da und drehte meinen Reisepass von A nach B und wieder zurück. „Sina, wie sieht’s aus? Kommst du mit?“ Einmal tief durchgeatmet. Ja. Scheiß drauf!
Und so sah ich mich Wochen später am Frankfurter Flughafen stehen. Gegessen oder geschlafen hatte ich quasi nicht und nur die Tatsache, dass ich nicht ansatzweise realisieren konnte, was ich da gerade tat, hielt mich davon ab, den Flughafen fluchtartig wieder zu verlassen. Und bevor die Realität bei mir ankam saß ich bereits im Flugzeug, hoch über den Wolken – „Ich heb ab, nichts hält mich am Boden!“ Danke dafür 😉 Aber so schlimm war’s dann ja auch gar nicht! Das Spektakel „Minsk/Borisov“ begann bereits beim Essensangebot im Flugzeug. Aufgetischt wurden Tomaten und ein Brötchen (die konnte man auch als solche erkennen) und etwas undefinierbares, das aussah wie Käse, aber schmeckte wie Wurst. Für mich bestand kein Zweifel daran, dass sich neben diesen (tatsächlich gut schmeckenden) Beilagen mehrere Stückchen Rohfleisch für Hunde in meinem Pappschächtelchen verirrt hatten. Ich hätte bis Australien fliegen können ohne das Fleisch zerkaut zu bekommen und irgendwann gab ich resigniert auf. Die Anspannung stieg, als wir in Minsk landeten. Hatten wir alle Unterlagen? Würde alles reibungslos funktionieren? Meine etwas sarkastische Mahnung „Wir sind jetzt in Weißrussland, benehmt euch ab jetzt gefälligst!“ hielt keine zwei Sekunden 😉 Und dennoch verstummten wir alle, als wir die Eingangshalle des Flughafens betraten und uns den streng-blickenden Mitarbeitern des Flughafens gegenüber sahen. Ich versuchte es zunächst mit einem vorsichtigen „Hello“, kombiniert mit einem freundlichen Lächeln. Der Blick der Kontrolleurin ließ mein Lächeln aber gefrieren und ich entschied mich schleunigst dafür, stillschweigend alles über mich ergehen zu lassen. Meinen Reisepass dürfte die gute Frau nun auswendig kennen, so detailliert sie ihn betrachtet hatte. Stempel, zack, zack, Reisepolice, Mini-Visum aus dem Flugzeug. „Where do you stay?“ Wat?! Hektisches Finger-Tippen auf die leere Zeile auf dem Papier. Ich raffte es immer noch nicht. „Sorry?!“ – Augenrollen: „MINSK – MINSK!“ So schnell hatte ich in meinem Leben noch nie zwei Worte geschrieben. Die Dame deutete ein Nicken an und entließ mich in ihr Land, während hinter mir an allen Schaltern „MINSK – MINSK!“ ertönte. Gut, ich war wohl nicht die Einzige gewesen. Unser Appartement stellte uns einen äußerst gesprächigen Fahrer namens Sergej, der mit uns über die Straßen bis nach Minsk jagte. Aufgeregt plapperten wir über dieses und jenes Gebäude und Sergej versuchte lebhaft sich an unseren Gesprächen zu beteiligen und bewies dabei sein ganzes Können, als er uns durch „Kiel, ähm Flensburg!“ auf die Handballhalle, oder „Bundestag!“ auf ein Regierungsgebäude aufmerksam machte. Er drehte mit uns eine kleine Stadtrunde und uns verschlug es anhand der pompösen Gebäude die Sprache. Die Architektur war nicht nur imposant, sondern auch in jeglicher Hinsicht illuminiert und bot einen funkelnden ersten Eindruck. So hatte ich mir Weißrussland ehrlich gesagt nicht vorgestellt. Unser Appartement überraschte mit einer Größe und Ausstattung, die meine Kölner Wohnung um ein vielfaches übertrumpfte, wie ich anerkennend zugeben musste. Unsere geräumige Küche verfügte über einen Balkon, den wir glücklicherweise in der Dunkelheit nicht weiter erkundeten…Nachdem wir die ersten Eindrücke verarbeitet hatten erkundeten wir die Stadt auf eigene Faust und fanden ein gemütliches Restaurant – in welchem wir für kleines Geld ganz hervorragend essen konnten. Auf der Suche nach einem Bier trafen wir einen kleinen Plüschhasen (oder war sie eine Maus?), die (sofern wir sie richtig verstanden haben) für das Theater an ihrer Uni Spenden sammelte. Sie war etwas verblüfft, als ich ihr englische Pennys und Euro-Münzen anbot. „Pennys and Euro again!“ Als sie erkannte, dass wir für den Fußball hier waren schüttelte sie ungläubig den Kopf und hoppelte davon. Wir fanden einige Zeit später auch endlich unsere Location, in der wir den Abend ausklingen lassen wollten – und wurden von einem schrillen „Oh no, only Germans!“ begrüßt. Das arme Häschen dürfte an diesem Abend mehr ausländische als einheimische Währung gesammelt haben.

So schön unser Appartement war, so herrlich war die Umgebung. Im Stockwerk unter uns fand sich ein Tattoo-Studio, das uns zu der Wette veranlasste, uns im Falle seines Tores gegen Borisov den Namen von Simon Zoller tätowieren zu lassen. Simon tat uns den Gefallen, nicht zu treffen 😉 Das Studio wurde jedoch von der Tonne getoppt, die eingezäunt direkt neben unserer Eingangstüre stand. Ehrlich gesagt warteten wir beinahe darauf, sie irgendwann einmal brennend vorzufinden. Den Spieltag verbrachten wir damit, die Stadt bei Tageslicht zu erforschen. Nach einem überragenden Frühstück (Dank an dieser Stelle an Sergej für den Tipp!) war unsere Gruppe angewachsen und wir spazierten durch den schönen Gorky-Park, in dem wir eine kleine Schneeball“schlacht“ austragen konnten, bestaunten die beeindruckenden riesigen Gebäude und fühlten uns recht wohl und zufrieden in unserer Haut.
Die Leichtigkeit sollte jedoch ein bisschen verfliegen, als wir uns auf den Weg zum Bus machten. Gut gelaunt starteten wir unsere Fahrt von Minsk nach Borisov. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, schien sich das „wahre“ Weißrussland zu zeigen. Die pompöse Architektur wurde von Plattenbauten abgelöst, eingeworfene Scheiben, abbröckelnder Putz. Das entsprach eher meinen Vorstellungen. Etwas irritiert nahmen wir zur Kenntnis, dass über die „Autobahn“, über die wir fuhren, Zebrastreifen führten. Für wen genau diese in der Einöde gedacht waren konnten wir uns aber auch nach hitzigen Diskussionen nicht erklären. Sollte ich mich jemals über das Polizeiaufgebot bei einem Bundesligaspiel geärgert haben – so verschlug es mir bei der Ankunft am schlauchboot-artigen Stadion die Sprache. Militär und Polizei wohin man blickte. Wir saßen schweigend im Bus, während eine Dolmetscherin einstieg, die uns hektisch erklärte, dass wir nicht alleine zum Gästeblock laufen durften, dass wir vorerst den Bus nicht verlassen durften, dass wir vermutlich eigentlich auch gar nicht atmen durften. Als uns doch gestattet wurde, den Bus zu verlassen, trudelten auch die weiteren Busse ein. Lebensmüde wie wir waren, wollten wir den heimischen Fanshop auf der anderen Seite des Stadions besuchen und wagten uns an dem aufgereihten Militär vorbei. Und es passierte – richtig, gar nichts. Wir schlenderten gemütlich am Stadion entlang, begutachteten den Fanshop, standen für einen Schnappschuss mit einem kleinen Fan von Bate zur Verfügung und waren bester Dinge. Dies änderte sich bei der Einlasskontrolle. Es war mucksmäuschen still, niemand traute sich auch nur ein Wort zu sagen. Die Dame vom Militär schien mich nicht nur abzutasten, so intensiv wie sie mich an all meinen Körperstellen berührte. Ich stand dennoch wie versteinert und wagte es nicht, auch nur eine Miene zu verziehen. Erleichtert atmete ich auf, als ich dieses Szenario hinter mir hatte. Direkt anschließend versorgten wir uns für umgerechnet gefühlt 4 Euro mit Getränken, Chips und mehreren Stadionheften – in denen wir jedoch nur anhand der Bilder unsere Spieler identifizieren konnten. Der Eingang in den Gästeblock ließ meinen Puls kurz nach oben schießen – man betrat ihn nämlich über den Rasen. Zwar eingezäunt, aber hey! Ich stand auf dem Rasen! Ein kleines Highlight in einem ansonsten sehr leblosen Neubau.
Die Architektur war durchaus überraschend, sehr modern und außergewöhnlich. Dennoch genügt ein Besuch in diesem Bauwerk für den Rest meines Lebens. Auch die Akustik war etwas befremdlich, da es die Trommeln nicht bis nach Weißrussland geschafft hatten. Hätte am Spielverlauf wohl aber auch nichts geändert. Die Mannschaft lieferte ein äußerst schwaches Spiel und verlor unnötig mit 0:1, was einen anhand der zurückgelegten Kilometer doch ein bisschen nervte. Da das Spiel nicht besonders viel zu bieten hatte, ließ ich meinen Blick ein ums andere Mal durchs Stadion schweifen. Und die Kälte, die mich zittern ließ, verstärkte eine Gänsehaut, als ich den Nebel rund ums Stadion aufsteigen sah. Das Stadion liegt direkt im Wald, rund herum umgeben von Bäumen. Es war ein so skurriler Anblick dass es mich nicht gewundert hätte, Zombis aus dem dunklen Wald schleichen zu sehen. Enttäuscht und etwas niedergeschlagen traten wir die Rückfahrt nach Minsk an und fielen müde ins Bett.
Aufgrund der Flugpreise hatten wir noch bis Samstag früh Zeit, diese hübsche Stadt zu besichtigen. Da wir zu viel Geld gewechselt hatten waren wir leider gezwungen, beim Shopping ein bisschen auf den Putz zu hauen, um das Geld loszuwerden. Blöd nur, dass es in nahezu jedem Laden 50% Rabatt auf alles gab und mein Koffer irgendwann keine Kapazitäten mehr aufnehmen konnte…doch auch an diesem Tag hatten wir wieder traumhaftes Wetter, so dass wir die Läden schnell wieder verließen – zumindest das sollte uns gegönnt sein! Wagemutig besichtigten wir unseren Balkon – den man jedoch besser nur mit Bauhelm und Sicherung betreten sollte…als wir Samstag mitten in der Nacht die Stadt verließen, um von Sergej zum Flughafen gebracht zu werden, waren wir alle müde und ein bisschen erschlagen von all den Eindrücken, aber dennoch zufrieden mit unserem zweiten Europapokalausflug. In der Flughafenhalle gesellte sich dann noch ein kleiner Vogel zu uns, den wir liebevoll „Sergej“ tauften. Über Amsterdam ging es zurück nach Frankfurt und als wir wieder deutschen Boden betraten fiel eine Last von uns ab, die uns erst in diesem Moment bewusst wurde. Perso verlieren? Kein Problem, neuen beantragen! Das Umklammern unseres Reisepasses hatte endlich ein Ende!